NACH DEM STURM IST VOR DEM STURM

Diese Geschichte ist nicht frei erfunden. Sie ist mein Leben der vergangenen 11 Jahre, meine Realität. Ich erzähle nach bestem Wissen und Gewissen, Namen und Orte sind geändert zum Schutz der Beteiligten. Diese Geschichte entstand in einer der dunkelsten Phasen meines Lebens, als 11 Jahre turbulenter Beziehung in Schmerz und Trauer endeten.

Meine eigenen Ängste und Bedürfnisse hatten mich tiefer und tiefer in die Abgründe einer Co-Abhängigekeit geführt und als ich schließlich am Fuße einer langen Treppe angelangt war, fand ich dort nur einen leeren Raum, so groß, dass es Jahre dauern wird ihn wieder zu füllen. Trauer, Wut und Verzweiflung waren meine Lektoren in dieser Zeit und am Ende wird es hoffentlich einen versöhnlichen Gedanken in meinem Kopf geben, der sich selbst genug ist.

Die Macht der Ungewohntheit


Ich sitze an der Bar.

Es ist September 2008 und aus alter Gewohnheit habe ich mich in mein zweites Wohnzimmer begeben, das Kernel in München. Ein mittelklassiger Laden mit zwei Tanzflächen und einem hübschen Außenbereich. Seit 3 Jahren arbeite ich hier an der Tür, Wochenende für Wochenende, Stunde um Stunde.
Ich studiere Architektur an der Universität aber habe nie Zugang zu meinen Kommilitonen gefunden oder ein ernsthaftes Interesse am Lehrstoff entwickelt. Ich bin ein seltener Gast in den Räumen der Fakultät. Die Lebensuhr zeigt 23, ich habe meinen Weg noch nicht gefunden und taumele ziellos durch die Tage. Ein Zustand, der mir zu dieser Zeit keine Probleme bereitet.

Neben mir sitzt ein Mädchen. 19 Jahre, große Klappe, Typ Außenseiter, hübsch. Große Runde Augen, ein schönes Gesicht. Kein Hungerhaken, sondern weibliche Rundungen. Für mich ein Augenschmaus. Sie gehört zum Barpersonal und hört auf den sonderbar klingenden Namen Bel. Ein Wortspiel aus ihrem Nachnamen, aber das erfahre ich erst viel später.

Es ist die Abschiedsparty unserer Chefin, deren Lebensweg sie nun aus der Stadt führen wird. Die geladenen Gäste bestehen vornehmlich aus dem Personal und wenigen Freunden. Die meisten Gesichter sind mir bekannt, ohne dass ich sie mit Namen oder Geschichten verknüpfen kann. Das Nightlife ist anonym. Man kennt sich, redet, lacht und weint gemeinsam. Aber auch wenn die intimsten Geschichten ausgetauscht werden, bleiben diese Bekanntschaften oberflächlich. Keine Freundschaften. Keine Loyalität.

Das Mädchen neben mir war mir in den Wochen zuvor bereits aufgefallen, sie hat etwas an sich, dass mich anzieht, ohne dass ich genau benennen könnte, was es ist. Bis auf kurze wortkarge Gespräche nach Dienstende und einem recht kühlen Korb auf einer Party haben wir aber keine gemeinsame Geschichte. Unser letztes Gespräch im Morgengrauen nach der Arbeit trug lediglich die Information in sich, dass sie am kommenden Tag nach Berlin ziehen würde. Auch nicht die beste Grundlage für eine gemeinsame Geschichte und doch beginnt sie an diesem Abend. Eine Geschichte, welche die nächsten elf Jahre meines Lebens prägen wird. Eine Geschichte, getragen von Emotionen, himmelhochjauchzend und zutiefst betrübt. Von vielen Dramen und vielen kleinen Happy Endings. Von Träumen und gemeinsamen Wegen, von Trennungen und dunklen Tagen. Geprägt durch die immer wiederkehrende Ambivalenz und Zerrissenheit, die einer Borderline-Beziehung innewohnt.
Eine Geschichte die an ihrem letzten Tag, trotz all ihrem Inhalt, kein gutes Ende genommen hat. Es ist eine Geschichte von romantischer Liebe, wenn die Anziehung zwischen zwei Menschen so stark ist, dass sie trotz beinahe unüberwindlicher Differenzen und Ungleichheiten die beiden aneinander schweißt und trotz all der Leiden die eine solche Beziehung hervorruft, ihnen beinahe übermenschliche Kräfte verleiht hinsichtlich dessen, in diesem Wirbelsturm aus Emotionen zusammen zu bleiben.

Bis eines Tages das Ende kommt und einen gebrochenen Menschen hinterlässt. Ratlos, hilflos und identitätslos. Verausgabt über Jahre. Ein Mensch, der sich selbst so sehr vernachlässigt und vergessen hat, dass er droht in der Leere zu versinken, egal wie viele Hände nach ihm greifen.

Nur eine Nacht

Die Musik ist grauenhaft, die anwesenden Gäste interessieren mich nicht besonders, aber ich schätze ihre Anwesenheit. Ich lasse mir gerne von ihnen vorgaukeln, einen Grund gehabt zu haben, hierher zu kommen.

Ich weis nicht mehr, wieso dieses Mädchen auf dem Barhocker neben mir Platz genommen hat. Aber ihre Anwesenheit ist der einzige wahre Grund warum ich so spät in der Nacht noch immer hier bin.

Wir trinken. Durcheinander und ohne auf das Limit zu achten. Zwischendurch entern wir das DJ-Pult, um die Musik unseren Wünschen anzupassen, ohne dabei auch nur ansatzweise Rücksicht auf die übrigen Gäste zu nehmen oder gar den Anlass des Abends.
Wir tanzen. Oder sie tanzt – und ich zappele neben ihr unbeholfen über die verwaiste Tanzfläche. Kurze Momente in Trance, ich kann nicht sagen ob bereits an diesem Punkt in uns beiden ein Schalter umgelegt wird. Aber es erscheint mir heute so. Partner in Crime. Dem kleinsten möglichen Crime der Welt. Wir machen die Abschiedsfeier zu unserer Willkommensfeier. Es ist gut. Es ist fühlbar. Es wird zu einem Erlebnis.

Zurück an der Bar folgt der nächste Alkohol und inzwischen ist keiner von uns beiden mehr bei klarem Verstand. Wir tauschen Geschichten aus, großspurig, getragen von Härte und Anerkennungsdrang. Ein verbaler Schwanzvergleich. Wer ist härter – die 19-jährige oder der 23-jährige, eine Frage die nie geklärt wird. Keiner von uns ist es wirklich. Von meinem heutigen Standpunkt aus, haben wir beide unser Herz ausgeschüttet – auf unsere Weise. Ohne Tränen, ohne Jammern. Sondern mit Stolz. Stolz auf Schmerz und Bitterkeit. Ein Grundstein unserer kommenden gemeinsamen Jahre, der uns beide noch so vieles kosten soll, bis wir die Rechnung nicht mehr bezahlen können und unsere Schulden mit noch mehr Schmerz und Bitterkeit begleichen.

Meine Wohnung ist unweit der Diskothek. Wieso wir uns auf den Weg zu mir gemacht haben entzieht sich mir leider, ich hätte mich gerne daran erinnert. Aber die Tür fällt ins Schloss und wir ins Bett. Roh und triebhaft. Der Alkohol hat die Hürden der Hemmung hinfort gespült und ich erinnere mich heute noch gerne mit Melancholie an meine erste Begegnung mit dem Verhütungsmittel Nuva-Ring. Ich habe erst Wochen später mich getraut zu fragen, was in drei-Teufels-Namen dieser harte Gegenstand in ihr war und ich habe meine anatomischen Kenntnisse wahrlich in Frage gestellt.

Der Morgen danach ist kühl. Fahles Licht im Zimmer lässt den Kater noch etwas dramatischer wirken. Neben mir liegt das Mädchen vom Barhocker. Sie atmet ruhig, ihre Augen sind halb geöffnet und doch schläft sie. Unsere erste gemeinsame Nacht. Es werden später noch Tausende folgen. Und ungleich diesem Morgen, an dem ich nicht weis wie die nächsten Stunden aussehen und keinen Gedanken daran verschwende, ob aus dieser Situation ein gemeinsamer Weg erwachsen kann, werden die Morgende der nächsten Jahre trotz all ihrer oft vorhandenen Schwere eine Wärme in sich tragen, an die ich mich mein Leben lang erinnern werde und derer Fehlen mir beim Schreiben dieser Zeilen das Herz verbrennt.

Ich mache Kaffee, mit irgendetwas muss der Tag beginnen. Die Aktion gibt mir Zeit die Situation etwas zu begreifen. Aber zu dieser Zeit bin ich ein Mensch der selten von Emotionalitäten überrannt wird, etwas dass sich bis heute so gründlich geändert hat, wie nur möglich.

Als ich zurück ins Zimmer komme und ihr eine Tasse besten Filterkaffee reiche sitzt sie seitlich aufrecht im Bett. Ein wunderschönes Mädchen, ebenso weit von der Schwelle zur Frau entfernt, wie ich der zu einem Mann.
Sie hat Tränen auf den Wangen und weicht meinem Blick aus. Bis heute weis ich nicht genau was in diesem Moment geschehen war. Doch sie greift nach dem Kaffee, fängt sich und wir durchleben unser verkatertes und nüchternes Beisammensein. Es ist merkwürdig. Merkwürdig schön.

Die Zeit bis sie sich an meiner Wohnungstür verabschiedet erscheint mir heute unglaublich kurz. Aber meine letzten Worte zu ihr weis ich noch, als wäre es gestern.

– Solltest du je in München einen Schlafplatz brauchen, dann gib mir Bescheid-

Wir tauschen Handynummern aus, dann schließt sich die Türe und ich starre noch einige Zeit gegen das weiß gestrichene Holz ehe ich mich wieder meinem Tagwerk widme. Sie beschäftigt mich, aber die Umstände lassen wenig Gedanken zu, die sich mit einem „Mehr“ beschäftigen.

Ich höre nichts mehr von ihr und mein Leben geht weiter.

Unverhofft kommt oft


Es ist vermutlich nicht wichtig ob zum vorigen Kapitel 3 oder 4 Wochen vergangen sind, aber es spielt sich in diesem überschaubaren Zeitraum ab. Genauso kann ich nicht sagen, ob ich eine SMS erhalten habe oder auf einmal die Klingel läutete.
Aber mit einem Mal ist sie wieder da und steht vor der Tür. Ein Spiel, dass sich wiederholen sollte. Sie hat eine Hospitanz im Theater unweit Münchens angenommen und braucht das Wochenende, um im Kernelclub Geld zu verdienen.
Unter der Woche wohnt sie bei einem alten Freund auf dem Dachboden, ein Umstand, über den ich mir zunächst keine Gedanken mache, bis sie mir ein Bild ihrer Bleibe zeigt. Es sieht aus wie das Lager eines Obdachlosen. Der Dachboden ist niedrig, eher ein Kriechboden, ungedämmt, Lattung und Ziegel sind von unten sichtbar. Der Anblick löst ein mulmiges Gefühl in mir aus, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklären kann. Erst Jahre später verstehe ich, dass sie sich zu großen Teilen über Schmerz und Leid identifiziert und die Rolle des Außenseiters sucht. Um sich von dem was sie ablehnt abzuheben geht sie jedes Risiko ein, unbedacht und mit vollem Einsatz.

Es folgen einige dieser Wochenenden und jedes endet auf dem Münchener Bahnhof, ganz am Ende des Gleises, in das gelbe Licht alter Natriumdampflampen getaucht, mit Geschichten über Familie und Lebensrealität, über Ansichten und Standpunkte, soweit das in dem Alter möglich ist.

Und jedes Wochenende vergehen die Tage in ihrem Beisein. Wir haben Sex, ungeschützt. Die Kommunikation unter der Woche ist dünner und weniger gehaltvoll. Ich bin ein Unterschlupf für sie.

Ihr Herz hängt an Theater und Schauspiel und sie verfolgt dieses Ziel mit Nachdruck und Disziplin, Tugenden, die mich beeindrucken. Ich beginne mich an sie zu gewöhnen. Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber in mir wächst Anerkennung für sie und sie wird mir wichtig. Ihre Meinung bekommt Gewicht, ihr Zuspruch wird für mich zu Energie, ihr Interesse an mir zu meinem Selbstbewusstsein.

All diese Attribute sollen mir 11 Jahre später das Genick brechen. Ich beginne mich zu dieser Zeit ihr zu verschreiben, auch wenn ich selbst dazu eigentlich noch nicht in der Lage bin. Ihr Geburtstag Ende September wird ein Streitthema der kommenden Jahre. Ich kenne den Termin nicht, obgleich sie ihn mir vielleicht genannt hat. Aber zu zart ist die Verbindung zu ihr, zu ambivalent und unberechenbar ihr Verhalten, das Datum speichert sich nicht in mir ab.

Mit der Zeit endet ihre Hospitanz und über Wochen hinweg halten wir Kontakt über SMS. Ihr Domizil in Berlin ist zu weit weg für einen kurzen Besuch, die Geschichten, die ich erzählt bekomme, zu verwirrend und verunsichernd als dass ich einen Besuch wirklich wagen möchte.
Ihr Mitbewohner lehnt mich ab, obgleich er mich nicht kennt. Ihr Fenster ist defekt und lässt sich nicht schließen. Die Wohnung verfügt nicht über Warmwasser, weswegen die gesamte WG im nahegelegenen Schwimmbad duschen geht. Nahrungsmittel werden containered – also aus dem Abfall des gegenüberliegenden Lidl bezogen. Nächtliche Heimfahrten im tiefen Winter ohne ausreichend Kleidung werden per Anhalter und LKW vollzogen.

In diesem Umfeld beginnt sie ihr nächstes Praktikum am Schlosspark-Theater in Berlin und mit dem näher rückenden Silvesterabend entwickelt sich eine Diskussion darüber, ob ich sie mit Stefan, einem langjährigen Freund von mir, in Berlin besuchen komme. Ein Besuch, den ich spätestens dann ablehne, als sie mir von ihrer Befürchtung erzählt, ihre Mutter könne versuchen, sich an mich heranzumachen.

Diese ganzen unkonventionellen Ungereimtheiten haben eine magische Anziehung auf mich, vor allem die Tatsache, dass sich diese Frau dennoch für mich zu interessieren scheint. Heute weis ich, dass auch umgekehrt von mir eine starke Anziehung auf Frauen mit derartigen Gemütslagen ausgeht. Eine ungesunde Verbindung. Denn ich bin ein krankhafter Auffanger. Ich kann das gut, es läuft gefühlt einfach aus mir heraus. Es hilft den Betroffenen. Aber die Rechnung, die ich am Ende bekomme, ist eine die ich nicht mehr begleichen kann. Der Preis ist Identität, Selbstliebe und Selbstverwirklichung. Und an dem Tag, an dem die Liebe geht, bleibt man zurück, leer und verbraucht und ungeliebt. Der Weg zu alter Stärke hingegen ist weit und steinig – und nur einen kleinen Teil kann man wirklich zurückerobern. Der Rest bleibt auf immer verloren. Dieser Teil der Seele kann nur vernarben. Er heilt nicht.

Einen Tag vor dem Silvesterabend kommt sie mich schließlich in München besuchen und wir feiern das Neujahr in Stefans Haus. Eine Silvesterparty die uns allen noch Jahre später im Gedächtnis bleibt. Fünf Menschen, alter deutscher HipHop, etwas Erotik, ausreichend Alkohol. Eine Party von der alle 5 noch heute reden, auch wenn sich die Wege eben jener getrennt haben. Das ist wohl etwas, das zum Leben dazugehört.

April April


Nach Sylvester verbringt Bel viel Zeit in Berlin. Irgendwann in diesem Zeitraum erreicht mich eine SMS während ich abends an der Tür arbeite. Die Periode sei ausgeblieben, sie wolle mir nur Bescheid geben, habe aber zunächst mal keinen Bock auf einen „Eiertanz“.
Verständlicherweise geht mir der Arsch sofort auf Grundeis. Ich bin 23. Die Vaterfrage ist noch lange nicht in meinem Kopf. 10 Jahre später wird sie da sein und brennen, als Bel ihre Avancen dahingehend mit mir längst aufgegeben hat.

Heute würde ich sagen, das sie sich in einer ersten Selbstfindungsphase befindet. Im April zieht sie für einen Monat bei mit ein. Warum das notwendig war, ist mir heute nicht mehr klar. Aber sie nutzt die Zeit, um sich zu orientieren und bald steht ein Theaterlehrgang in Duisburg auf dem Plan.
In dieser Zeit verbringen wir jede Nacht zusammen. Wir werden ein Paar. Ein sehr merkwürdiges, bipolares Paar. Aber wir unterstützen uns gegenseitig, gehen uns auf den Wecker, aber streiten nie. Es ist eine Zeit die von gegenseitigem Ertragen und Geniesen geprägt ist. Keine schlechte Zeit. Aber eine merkwürdige Zeit.

Im Februar beschließen wir einen Ausflug nach Straßbourg zu unternehmen. Er endet an der Deutsch-Französischen Grenze. Wir sind mit dem Auto meiner Schwester unterwegs – schwarzer Audi A4 mit zwei viel zu jungen Insassen. Rasierte Schädel, Undercut, gepierced.
Was wir noch nicht wissen ist, wie sehr wir in das Fahndungsbild der Grenzer passen.
Im Kofferraum liegen meine Utensilien aus dem Job in der Stadtmitte. Schlagstock, Jacke, Hose, Stiefel. Als die Grenzer ihren Fund freudig begutachten erfahren wir von der Tatsache, dass Barack Obama heute in Straßbourg seine Aufwartung macht und die Behörden versuchen die Verwüstung durch den Schwarzen Block einzudämmen. Ein Fahndungsbild für welches wir hätten Modell stehen können.
Das Endergebnis ist ein 5-jähriges Einreiseverbot, eine frierende Bel die sich nicht mehr traute, in das Fahrzeug zu steigen, verständnislose Zuhörer beim Erzählen der Geschichte und eine Erinnerung fürs Leben. Eine Erinnerung, die später als Erzählung in froher Runde noch für viele Lacher sorgen wird.

Dann kommt die Zeit des Abschieds und Bel verschwindet für lange Zeit nach Duisburg. Ich werde sie dort lediglich zweimal besuchen kommen, denn obgleich mich dort niemand kennt, hat ihr Mitbewohner schon wieder ein Problem mit mir.
Mein erster Besuch glänzt mit Currywurst im Grill Bill, der Matrix, Dicken Blasen an Bel‘s Füßen dank Wollsocken in hohen Schuhen und der Erkenntnis, wie ungerne ich tanze…und wie gerne sie tanzt. Auch ein Streitpunkt, der uns wieder und wieder begegnen wird.

Als der Lehrgang sich dem Ende neigt, beginnt für Pie die Suche nach einem Studienplatz und sie wird fündig. In Augsburg. Ich hole sie in Duisburg ab und die nächsten Wochen verbringen wir in in meiner Wohnung in München. Mein Praktikumssemester rückt in greifbare Nähe weswegen ich bei der Wohnungssuche in Augsburg helfe bis Bel schließlich in der Wintergasse fündig wird.
Als der Einzugstermin steht planen wir Ihren Umzug von Berlin nach Augsburg und mieten einen großen Sprinter bei Budget an. Das Vehikel das uns letztlich angeboten wird ist dermaßen zerbeult, in der Fahrzeugdoku fehlen gefühlt tausend Schäden und wir gehen die Reise in meinem alten Seat an.

Die Fahrt über Nacht endet um 2 Uhr morgens in einem 6 qm großen WG-Zimmer. Es riecht nach Gras, die Wohnungstür geht kaum auf, da irgendjemand direkt dahinter ein Sofa geparkt hat. Wir schlafen, kurz, aber erholsam und am nächsten Tag beginnt die unmögliche Mission ein WG-Zimmer mit einem Kompaktwagen umzuziehen. Aber sie gelingt. Völlig überladen, doch mit allem was wichtig ist.

Bel lässt unsäglich viele Dinge zurück, die Trennung davon scheint ihr leicht zu fallen. Eine Eigenheit, die mich kurz stutzig macht, aber meine Aufmerksamkeit auch nicht lange genug bindet, um ihr Bedeutung beizumessen. Jahre später wird sie mich auf die gleiche Art und Weise zurücklassen und davongehen, ohne je zurückzublicken.
Die Rückfahrt nachts ist anstrengend und wir erreichen die Wintergasse nur noch auf dem Zahnfleisch. Das Zimmer in Augsburg besteht nur aus Dachschrägen mit 2 kleinen abgetrennten Abteilen. Wir werden im Laufe unserer Zeit dort den Fußboden abschleifen und uns einrichten. Ein weiterer Unterschlupf, gemütlich, geschützt.
Bel sieht sich nach Disco-Jobs um und wird im Circus fündig. Es kommt eigentlich nie Ruhe rein, irgendetwas geschieht immer und es fällt schwer die Geschehnisse zeitlich in korrekter Reihenfolge wiederzugeben.

Betonschuhe aus Bedürftigkeit


Bel zieht im September in die Wohnung in der Wintergasse. Ich kann mich deswegen daran erinnern, da dieser September schlimm war. Sie wusste nicht wohin mit sich, was tun und war dauerhaft unausstehlich. Es kriselt schwer, aber mein romantischer Kopf will sich nichts davon in Erinnerung behalten. Aber es ist eine Zeit in der Bel wenig lacht und oft unaufgeschlossen in der Wohnung hängt.

Ich fange wenig später im Oktober mein Praktikumssemester in Augsburg an. Zunächst wohne ich noch bei Stefan, aber dessen und mein Lebensweg trennen sich an diesem Punkt für die kommenden 10 Jahre und ich ziehe bei Bel mit ein.
In den folgenden Monaten bemühen wir uns gegenseitig viel um uns Betonschuhe anzuziehen. Meine Furcht vor dem Verlassenwerden und ihre zerrüttete Familie sind ein Nährboden an Ängsten. Und so kommt es, dass wir näher aneinanderwachsen, aus Angst, auseinanderdriften zu können.

Die grundsätzlichen Probleme bleiben aber auf der Strecke. Ich rede wenig über Gefühle, schaffe es nicht Bel meine stetig wachsende Zuneigung zu kommunizieren, sie kann mir hingegen nicht klar machen, welche Lasten auf ihren Schultern liegen. Wir versorgen uns also gegenseitig nebst Zugehörigkeit vor allem mit Beschwichtigungen und den Versuchen, die Ängste und Nöte des anderen zu bedienen.
Zwei bodenlose Löcher die sich mit Liebesdiensten bewerfen. Es wird nie genug sein, bis keiner mehr etwas zu werfen hat. Heute sehe ich die Dynamik und schüttele traurig den Kopf. Ein soziales Umfeld hätte uns helfen können, aber wir haben nie eines aufbauen können, in welchem wir ein Paar sein konnten.

Urlaube sind eine Seltenheit. Wir verbringen eine schöne Zeit in Italien und Bel schafft es auf einem Tretboot seekrank zu werden. Ich habe sie dafür geliebt, was könnte es Niedlicheres geben. Ein Kurztrip nach Venedig und ein weiterer Urlaub in Südfrankreich ist alles was wir hinbekommen.
Auch lernen wir keine Streitkultur, aus Angst den anderen zu verprellen. Wir hätten Hilfe benötigt, aber hatten einfach kein Glück. Unser soziales Umfeld ist eher problematisch und so leben wir in unser Leben hinein.

Das Praktikumssemester endet und ich verlagere mich wieder zurück nach München. Die Beziehung wird zu einer Fernbeziehung und beinahe jedes Wochenende verbringe ich in Stuttgart und geniese den Schlaf neben der Frau, deren Bedeutung für mich jeden Tag wächst, ohne dass es mir zunächst klar ist.

Mit Anlauf gegen die Wand

 

Mein Studium ist kaum vollbracht, da wird von Seiten meines Vaters unterschwellig Druck ausgeübt, um mich zügig in die Büromannschaft zu integrieren. Zwischen meinem Diplom und dem Arbeitsantritt stehen gerade einmal zwei Wochen.
Zwei Wochen eine Bleibe zu finden, zwei Wochen um uns als Paar abzustimmen. Zwei Wochen, um zu entscheiden, ob wir überhaupt zusammenziehen wollen. Am Ende tun wir es einfach und landen in einer Bleibe, die keinem von uns wirklich passt.

Unsere Lebenssituationen sind unterschiedlich. Ich starte im Beruf, Bel arbeitet auf das Ende ihres Studiums hin. Die meiste Zeit im neuen Heim ist sie aber depressiv, fordert mich stark, unterstellt mir Affairen oder verbreitet miserable Stimmung. Ich leide darunter und suche in all dem Unglück meine Partnerin. Aber ich finde sie nicht, ihr Leben geht an mir vorbei. Sie ist mit einem Künstlerkollektiv unterdessen immer wieder Europaweit auf Tour, ständig unterwegs über Tage, zunächst als einzige Frau. Kaum ist sie daheim verfällt sie wieder in Melancholie und Unglück und vermag das eigentliche Problem nicht zu identifizieren und mir mitzuteilen. Anstelle dessen werde ich als Grund für ihr Leid ausgemacht und meine Versuche sie aufzufangen und dieser abwärts gerichteten Dynamik zu entkommen laugen mich aus. In meiner Verzweiflung stürze ich mich mittels einer Dating-Seite in heimliche Affairen um mich zu betäuben, oder mich zu finden. Aufgrund unserer Probleme zieht Bel aus, die räumliche Distanz soll uns helfen, aber eigentlich ist es bereits zu spät.

Im Urlaub auf Rhodos verunglückt ein langjähriger Freund keine zehn Meter hinter mir auf dem Motorroller. Keine Schutzkleidung, kein Helm. Ich brauche nur Bruchteile einer Sekunde, um den Knall mitten in der Nacht hinter mir zu deuten, die Konsequenzen auszuloten und das Ausmaß zu begreifen. Ich brauche aber 150m bis diese Erkenntnis sich dem verzweifelten Versuch der Verdrängung und Verleugnung entzieht und mich meinen Roller anhalten lässt.
Erste Hilfe auf offener Straße, Organisation der Rettungsdienste mit gebrochenem Griechisch, Versorgung im Krankenhaus, nächtliches Aufbrechen von Verbandsschränken da niemand sich des sterbenden jungen Mannes annehmen möchte und man ihn stundenlang auf der Trage im Flur stehen lässt. Information an alle notwendigen Familienmitglieder einschließlich Bel.

Seine Eltern hole ich am Flughafen ab, um sie zu ihrem sterbenden Sohn zu bringen. Einen Rückflug haben wir trickreich für ihn organisiert. Ich funktioniere wie eine Maschine und bleibe drei Tage am Stück wach, verausgabe mich und mache mir keine Gedanken darüber, welchen Preis ich dafür zahlen werde.
Am dritten Tag sitze ich am späten Nachmittag rauchend auf dem Balkon der Klinik und telefoniere. Organisatorisch ist alles getan, die Eltern kümmern sich nun um alles Notwendige. Ich bin völlig leer, meine Wahrnehmung auf ein Minimum begrenzt als mich die Welle trifft. Es ist als hätte man ein Urlaubsvideo eines ruhig gelegenen Strandes unmittelbar mit einer Berichterstattung aus einem Hurricane verschnitten. Binnen eines Wimpernschlages versagt meine Stimme und ich kann nicht mehr atmen. Über meine Wangen strömen Tränen. Angst, Erschöpfung, Trauer und Schuld überrennen und überwältigen mich. Ich breche auf dem Balkon zusammen. Erst Stunden später schaffe ich es, das Krankenhaus zu verlassen.
Ich werde diesen Zustand niemals wirklich ganz verlassen. Er bleibt bei mir, verändert mich durch und durch. Mein emotionales Konstrukt wird einmal durch den Wolf gedreht, heraus kommt ein anderer.

Follow the white rabbit

 

Die Zeit nach dem Unfall meines Freundes fällt mir schwer. Zurück in Deutschland gehen die Schlafprobleme los. Ich liege Nacht um Nacht wach und es zehrt an den übrig gebliebenen Kräften. Bel versucht mir zu helfen, aber soziale Kompetenz oder Empathie sind keine Attribute welche ich ihr zuschreiben würde. Es geht an meinen Bedürfnissen vorbei. 

Tatsächlich vermutet sie aber auch eine Affaire. Und diesmal zurecht, auch wenn zu diesem Zeitpunkt derartiges nicht stattfindet, muss ich mir den Schuh anziehen. Sie verfolgt mich auf Termine und macht mir das Leben schwer.
Ich lerne in dieser Zeit Tabea kennen. Aus einem Schreibkontakt zu der toughen Berlinerin wird ein Skype-Date. Der Bildschirm geht an, wir können uns sehen, da werden ihre Augen groß und voller Sorge frägt sie mich was passiert ist. Dieser Mensch kannte mich nicht – und doch sah er auf einem Laptopbildschirm, dass ich kurz davor bin in einen Nervenzusammenbruch zu rauschen. Auch wenn sie mir in diesem Moment nicht helfen kann, ihre Anteilnahme ist die erste die mir entgegenschlägt seit dem Unfall. Niemand hat bislang daran gedacht, dass ich Schaden genommen haben könnte.
Wenige Tage später gibt mein Körper nach, ich schlafe ein und schließe die Augen.

Als ich sie wieder öffne stehe ich an einer stark befahrenen Straße. Ich trage einen knallroten Bademantel und Brikenstocksandalen, in meiner Hand halte ich ein Glas Orangensaft. Ein, wie sich später herausstellt, ziemlich netter Polizist redet unterdessen sanft auf mich ein und achtet dabei sehr bedacht auf seinen Sicherheitsabstand. Ich gebe wohl ein fantastisches Bild ab. Warum ich hier in diesem Aufzug stehe entzieht sich meiner Kenntnis, das Gefühl in diesem Szenario zu erwachen lässt sich nur schwer beschreiben. Einige Fahrzeuge halten an und ich kann in neugierige und sensationsbegeisterte Gesichter blicken. Ich bekomme kein Wort heraus, ich kann nur den Mund öffnen.

Der Polizist scheint zu bemerken, dass ich wieder zu mir selbst gefunden habe und ich werde im Streifenwagen nach Hause gebracht und nicht wie befürchtet in die nächste Gummizelle.
Heute kann ich mir vieles davon erklären. Dissoziation, Übermüdung, die Klamotten. Nur das Glas Orangensaft ist mir völlig schleierhaft. Ich hatte keinen Orangensaft in meiner Wohnung, das Glas gehörte auch nicht mir. Ich habe es heute noch. Diese Geschichte erzähle ich selten, nur meine engsten Vertrauten bekommen sie teilweise erst Jahre später zu hören. Zu diesem Zeitpunkt verschweige ich das Vorkommnis. Ich bekomme Angst vor mir und entwickele starke Selbstzweifel.

Ich stürze mich in die Affaire zu Tabea und kann in ihrer Gesellschaft langsam heilen. Monatelang entschwindet Bel für Tage mit dem Künstlerkollektiv und ich nach Berlin. Aber ich letztendlich versuche ich nur den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Ein halbes Jahr später starte ich mit Tabea in Richtung Bali als sich in mir ein Schalter umlegt. Wir sind noch keine 100km vom Startflughafen entfernt als sich binnen eines Wimpernschlages mein Blick klärt und ich meine Situation erfassen kann. Emotional zutiefst verletzt und verunsichert, suchend um Hilfe, verzweifelte Verdrängung und unfähig die Situation zu bewältigen. In mir zündet sich ein Feuer des Unglücks.
Von jetzt auf gleich ändern sich meine Prioritäten, mein Selbstbild, meine Ziele. Es ist wie ein Schleier, der sich vor mir hebt und ich kann wieder klar sehen. Und ich sehe Bel.
In diesem Moment fälle ich eine Entscheidung, die mich bis heute begleitet und mein Herz bluten lässt. Ich verschreibe ihr meinen Lebensinhalt. Ich will Glück für sie – und ich bin bereit alles dafür zu tun.

Kaum habe ich einen Fuß auf heimischen Boden gesetzt, beende ich alle Verhältnisse, versuche mich reinzuwaschen. Die Lügen kleben an mir wie Pech, ich hoffe auf die Zeit als Verbündeten um sie loszuwerden. Aber ich habe keine Chance.

Eine Woche später findet Bel alles heraus, zerbricht innerlich, brüllt, schreit und schlägt wutentbrannt auf mich ein. Die Schuld, die sich mir auflädt, ist erdrückend. Ich suche verzweifelt Hilfe und stehe Nacht um Nacht vor Ihrer WG. Aus der Trauer gebiert der Mut sie zurückzugewinnen. Ein Mut der mir heute fehlt. Zu tief sind die Gräben, zu einseitig der Wunsch zu kämpfen.

Mit Engelszungen redend und Kreide fressend keimt der Kontakt auf und unter vielen Rückschlägen erblüht eine neue Beziehung, die der Symbiose die ein Borderliner anstrebt, weit näher kommt, als die vorigen fünf Jahre. Ich beginne eine Therapie bei Frau Banhardt. Die beste Entscheidung meines Daseins. Die größte Hilfe, das zerschossene Puzzle in meinem Kopf über Jahre hinweg geduldig zu sortieren und zusammenzusetzen. Bis heute gilt ihr mein tiefer Dank, immer wieder ihren Hafen ansteuern zu können, der mir Ruhe und Gnade schenkt.
Auch Bel sucht Hilfe und findet sie zunächst in einer Tagesklink und anschließend in einer weiterführenden Therapie. Drei Jahre verbringt sie in der analytischen Therapieform. In dieser Zeit wird sie härter und kälter.
Im Zuge dieser Zeit sterben meine Freundschaften dahin. Ich sitze zwischen den Stühlen und Bel sieht Verrat wohin sie auch schaut. Meine Freunde können das unmöglich nachvollziehen und zudem möchte ich sie schützen vor den hasserfüllten Attacken meiner Partnerin. Ich schreibe mir die volle Schuld zu. Und so sage ich vielen guten Freunden Lebewohl, opfere unsere Verbindung meiner Partnerin. Ich habe es mir heute verziehen, wie hätte ich damals anders können. Aber ich leide darunter, sie fehlen mir.

Mit Bel beginne ich Auftritte mit vormals beschriebenem Künstlerkollektiv zu spielen. Das Verhältnis zu meinem Vater wird dadurch schwer belastet. Wir spielen in Singapur und Korea, in verschiedenen Städten Europas und sind viel unterwegs. Bel’s Ziel, dass ich mich von meiner Familie löse und mit ihr arbeite kommt bedrohlich nahe und ich bekomme die Kurve nur im Laufe der Zeit.

Auf ihr Drängen hin sehen wir uns nach einer neuen Wohnung um und werden wieder in München fündig. Eine 3-Zimmer-Wohnung im zweiten Obergeschoss, klassischer Grundriss, Hobbyraum im Keller. Es passt und wir beginnen die nächste Etappe unserer Beziehung. Wir gründen ein Zuhause. Zumindest nennt sie es die ersten Jahre so. Kurz vor dem Ende war es dann doch nur ein weiterer Unterschlupf, heute ist es mein Gefängnis.

Was lange währt wird endlich kompliziert

Die Jahre in der neuen Wohnung verlaufen nicht immer harmonisch. Gegenseitiges Mißtrauen, Wutausbrüche, Spioniererei. Dem entgegen stehen die aufkeimende Urlaubskultur, gemeinsame Unternehmungen, Erfolge in Bel’s und meinen Berufswegen.

Wir werden gemeinsam auf einer Datingseite für Paare aktiv, probieren uns an den gefährlichen Gefühlen der Eifersucht. Es klappt überraschend gut.

Im März 2015 haben wir eine erneute Krisenphase welche durch Bel‘s Reise nach Taiwan unterbrochen wird. Sie spielt mit dem Künstlerkollektiv dort einen Auftritt und hängt noch eine Woche Urlaub hinten an. Ich bleibe zuhause und die Zeit kriecht endlos dahin. Ich verspüre große Sehnsucht und vertreibe mir die Zeit damit ihr kleine Videos herzustellen. Timelapses oder Stopmotion, ich werde erstaunlich kreativ. Zugleich bemerke ich, dass ich unter seelischer Belastung gemeinhin dazu neige, mich künstlerisch auszudrücken. Es entstehen Texte, Bilder und Lieder. Ich entdecke eine Seite an mir, die bislang verborgen war.
Damals habe ich das als Liebe und Sehnsucht empfunden. Heute sehe ich, dass ich schon zu diesem Zeitpunkt tief in der Co-Abhängigkeit gefangen war. Meine Partnerin bewegte sich frei, nutzte die Reise um mich abzustrafen, meldete sich tagelang nicht, während ich ihr wie ein gut dressierter Affe Kunststückchen vorführte.

Nach ihrer Rückkehr reisen wir das erste Mal nach Gran Canaria. Es soll unsere Verlobungsreise werden. Ich frage sie – sie sagt ja.
Wir tragen beide einen Ring. Ich bin unglaublich stolz, froh und heiter und merke nicht, wie wenig ihr die Verlobung zu bedeuten scheint. Als wäre es nur ein Schritt gewesen um mich als Bezugsquelle für Anerkennung und Bedürfnisbefriedigung zu erhalten. Gaslighting nennt man das heute. Täuschung nenne ich es, obgleich ich ihr nicht die Absicht unterstelle.

Im selben Jahr setzt mein linker Phrenikusnerv aus. Die Atemprobleme die daraus resultieren werden mir von vielen Seiten als psychische Krankheit ausgelegt. Es dauert ein halbes Jahr ehe eine Neurologin mich zögerlich auf einen möglichen Krankheitsverlauf anspricht. Auf Papier getraut sie es sich nicht zu erwähnen.
Vor allem aber meine Partnerin ist mehr an der psychischen Krankheit interessiert. Diese wäre ihr dienlicher um mich weiter zu manipulieren, ebenso wie sie meiner Therapeutin einen Brief schreibt und versucht Einfluss auf ihre Behandlung zu nehmen. Als ich mit der möglichen Diagnose nach Hause komme, verliert sie ihr Interesse an der Krankheit. In den folgenden Jahren ignoriert sie diese sogar gänzlich, als gäbe es sie nicht.
Viel schlimmer ist allerdings, dass ich das nicht bemerke.

Die neue Wohnung sieht viele skurrile Geschichten. Meine Großmutter stirbt an Allerheiligen im Jahr 2015 am gleichen Tag wie ihre Schwester. Es war ein sonniger Tag inmitten eines grauen Herbstes. Als hätten sie aufeinander gewartet. Diese Umstände schenken mir Trost. Meine Partnerin versucht an dem Tag für mich da zu sein, aber ihr Verhalten ist mechanisch, nicht von Empathie getragen, nicht aus Mitleid geboren. Sie tut es, weil man das halt dann macht. Mehr kann ich darin nicht entdecken.

Unser Misstrauen gegenüber einander wächst, ganz obgleich es nichts gibt, was dies notwendig machen würde. Ich habe meine Partnerin nie wieder betrogen, es wäre mir nie wieder in den Sinn gekommen. Ich stehe fest auf meiner Überzeugung, die im Flugzeug auf dem Weg nach Bali geboren wurde. Und ich gefalle mir mit dieser Überzeugung, identifiziere mich damit. Ein weiterer Schritt in die Abhängigkeit. Noch fühlt es sich gut an, aber mit der rosaroten Brille, die ich zu dieser Zeit trage, könnte man mir beide Arme amputieren, ich würde meine Meinung nicht ändern.
Und doch komme ich eines Abends nach Hause in eine vollbeleuchtete Wohnung. Bel ist nirgendwo zu finden, ein schneller Durchgang durch die Wohnung bringt auch keine Erkenntnisse darüber, wo sie sich aufhält.
Selbst im Hobbyraum im Keller ist sie nicht. Ich setze mich an meinen PC und durchwühle das Internet. Eine gute halbe Stunde später öffnet sich die Tür zum Schlafzimmer und Bel stampft mit verheultem und wütendem Gesicht an mir vorbei.
Ich war in diesem Zimmer als ich sie gesucht habe. Aber ich konnte sie nicht finden, denn sie saß im Schrank. Lauschend und mich der Untreue verdächtigend.

Derlei Geschichten häufen sich. Sie durchforstet mein Handy, meinen PC. Misstraut mir bei jeder Gelegenheit, geht immer vom Schlimmsten aus. Die immerwährende Schuld zwingt mich dazu es hinzunehmen. Ich büße die gesamte restliche Zeit unserer Partnerschaft, für einen Fehler den ich begehen musste, um selber gesunden zu können. Ein fürchterlicher Zustand und beim Niederschreiben dieser Zeilen frage ich mich, warum mein Geist mir im Moment vorgaukeln muss, etwas verloren zu haben. Denn eigentlich bin ich befreit. Aber die Abhängigkeit greift grenzenlos um sich.

In den Jahren in der in dieser Wohnung entwickeln wir unsere Streitkultur. Sie ist eigentlich keine. Es fliegen die Fetzen, wir schmollen auf unseren Zimmern und irgendwann wird sich einer aufraffen, um die Situation zu befrieden. Ich tue dies zumeist durch eine Entschuldigung. Sie versucht es wortkarg über Sex. Zweiteres klappt in der Regel nicht, aber das ist Borderline. Es ist ein krankes Spiel.